>> Blausteiner Nachrichten Nr. 16 <<
22.4.2016

„20 Jahre Bürgerinitiative Wippingen
gegen Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmitteln e.v.“

Im Januar 1996 sickerte aus einer nicht-öffentlichen Sitzung des Blausteiner Gemeinderates trotz der gewünschten Geheimhaltung durch, dass ein deutscher Chemie- und Agrarkonzern auf Wippinger Gemarkung zu Versuchszwecken genverändertes Saatgut ausbringen will. Es wurde bekannt, dass die Firma die Genehmigung erhalten hatte, ihre Versuche 10 Jahre lang auf von ihr gepachteten Äckern durchzuführen. Wie sehr die Wippinger Bevölkerung über diese Pläne aufgebracht war, zeigte sich, als sich bei einer Versammlung zu dem Thema die Wippinger Halle bis auf den letzten Platz füllte. An die damalige Blausteiner BUND-Gruppe wurde die Bitte herangetragen, eine Bürgerinitiative gegen diese Vorhaben zu organisieren. Dies führte mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Ortschaftsrat im Februar 1996 zur Gründung der "Bürgerinitiative Wippingen gegen Gentchnik in Landwirtschaft und Lebensmitteln e.V." (BIW), der schon am Gründungstag 103 Menschen beitraten. Auch eine – wieder hallenfüllende – Informationsveranstaltung des Gen-Technik-Konzerns Anfang April 1996 konnte die Wippinger nicht von den Segnungen der der grünen Gentechnik überzeugen. Bei einer Unterschriftensammlung der neu gegründeten BIW wurden 70% der Wippinger Einwohner angetroffen, von denen 94% sich gegen ein Gen-Feld in Wippingen aussprachen. Über der Prinz-Eugen-Straße wurden Protest-Transparente gespannt, und im Gewann Müllerfeld, wo der genveränderte Mais ausgebracht werden sollte, kam es unter dem Titel Wippinger Ostermontag zu einer ersten großen Demonstration.

In der Hoffnung, mit friedlichen Mitteln die Aussaat verhindern zu können, entstand Anfang Mai 1996 in der Nähe des "Gen-Ackers" ein Zeltlager, in dem sich Mitglieder der BIW als Feldwache einrichteten. Am 29. Mai wurden viele BIW-Mitglieder kurz vor Sonnenaufgang durch einen Anruf der Feldwache -"sie sind da" - aus den Betten geschreckt und eilten per Fahrrad oder Auto zum Gen-Acker, um dort eine Menschenkette zu bilden. Bis genügend Leute vor Ort waren, war allerdings schon ein Teil des genmanipulierten Mais ausgebracht, es konnte jedoch die weitere Aussaat verhindert werden, wobei es nicht ohne einige leichte Rempeleien abging. An einem der Folgetage kam die Sämaschine der Firma allerdings tagsüber zu einer Zeit, als die meisten Mitglieder ihrer Arbeit in Ulm oder anderswo nachgingen und nicht alarmiert werden konnten, so dass sie die Aussaat bequem zu Ende führen konnte. Neben der Präsenz am Gen-Acker wurden zahlreiche Protestbriefe an das Regierungspräsidium, das Robert-Koch-Institut und Abgeordnete verschickt. Prominente Firmen der Lebensmittelindustrie wurden um Auskunft gebeten, ob sie genveränderte Zutaten verwenden. Die Aktivität der BIW fand in diesen Tagen einen Widerhall weit über Wippingen hinaus und lockte schließlich auch ein Fernsehteam an das Gen-Feld.

In den Folgejahren war die BIW zur Zeit der Aussaat immer wieder mit Protestkundgebungen und Traktorumzügen vor Ort, gelegentlich auch mit happeningähnlichen Aktionen wie der Aufstellung eines zerzausten Gen-Maibaumes am Gen-Feld und eines Wegweisers, der in eine Richtung zum Naturschutzgebiet Lautern, in der anderen Richtung zum "Naturschändungsgebiet Genfeld" zeigte. Es kam zu freundlichen Unterhaltungen mit der Polizei, die wenig begeistert über den Auftrag zu sein schien, das Gen-Feld zu überwachen und die dann auch bald durch einen kommerziellen Wachdienst mit scharfen Hunden abgelöst wurde. In schöner Erinnerung mag manchem noch der Ausklang der Demonstration des Jahres 2000 auf einer Obstbaumwiese in der Nähe des Gen-Feldes sein, der zu einem Familienfest bei schönstem Wetter geriet; eine Gruppe Jugendlicher spielet irische Musik, ein Zauberer beschäftige die Kinder, und die Erwachsenen genossen Kaffe und Kuchen. Auch die Gemeinde Blaustein versuchte in dieser Zeit dankenswerter Weise aber leider erfolglos, weitere Ausaaten von gentechnisch verändertem Saatgut auf dem Klageweg zu verhindern.

Die BIW wollte nie ausschließlich nur gegen das Wippinger Genfeld agieren, sondern generell dazu beitragen, dass die Bevölkerung die Versprechen von Politikern und Agroindustrie kritisch hinterfragt. Als daher im Jahr 2000 die Versuche auf dem Wippinger Gen-Feld trotz der auf 10 Jahre angelegten Option eingestellt wurden (genauere Gründe dafür wurden nicht bekannt, ebensowenig wie das Versuchsziel oder die Ergebnisse des Versuchs), konzentrierte sich die BIW folgerichtig auf die Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere in Form regelmäßiger Beiträge in den Blausteiner Nachrichten (BN), die neben aktuellen Entwicklungen der "grünen" Gentechnik auch die damit weltweit zusammenhängenden Probleme beleuchten. Als einen Erfolg ihrer Bemühungen konnte die BIW den Beschluss des Blausteiner Gemeinderats verbuchen, bei der Verpachtung gemeindeeigener Ackerflächen den Anbau genveränderter Pflanzen auszuschließen, ebenso wie die in neuerer Zeit angenommene Resolution der Stadt Blaustein zum geplanten transatlantischen Handelsabkommen TTIP; in der Logik von TTIP könnte beispielsweise schon der Aufdruck "Ohne Gentechnik hergestellt" auf Lebensmittelverpackungen ein unzulässiges Handelshindernis darstellen. Wegen dieser Perspektive hat auch die BIW selbst Unterschriften gegen TTIP auf dem Blausteiner Markt gesammelt. Auch aus anderen aktuellen Anlässen war die BIW dort immer wieder mit einem Informationsstand vertreten (und möchte es auch in Zukunft so halten). Dabei müssen wir aushalten, dass die Betreuung solcher Stände zuweilen auch frustrierend sein kann, wie wir dies etwa im Ulmer "Blautalcenter" erleben mussten, wo eigentlich nur das gentechnikfreie Popcorn für Kinder Zuspruch fand.

Schließlich hat die BIW als einer der Katalysatoren für die Bildung des "Bündnisses für eine gentechnikfreie Region (um) Ulm" gewirkt. Das Bündnis hat dazu beigetragen, dass sowohl die Stadt Ulm als auch der Alb-Donau-Kreis beschlossen haben, auch auf ihren Flächen keine Gentechnik zuzulassen. Die hochkarätigen Vorträge, die das Bündnis immer wieder nach Ulm geholt hat, lockten meist nicht nur viele Zuhörer an, sondern hatten auch ein breites Echo in der Presse und haben damit hoffentlich noch mehr Menschen erreicht.

Wir feiern am Samstag, den 23. April das 20-jährige Bestehen der BI zusammen mit dem Wippinger "Lädle", das heuer auf 10 Jahre zurückblickt.

Wir hätten allerdings noch viel mehr Grund zum Feiern, wenn es für die Existenz der BIW keinen Grund mehr gäbe – aber das ist nur ein frommer Wunsch.

Programm Samstag 10:00 bis 14:00
rund ums Wippinger Lädle
Wippingen, Lange Straße 38:

  • Popkorn für Kinder aus genetisch nicht verändertem Mais
  • Linsensalate von Albleisa mit (oder ohne) Weckle dazu
  • Essen und Getränke vom Team des Lädle
  • Stellwand mit Rückblick auf die Aktionen der vergangenen 20 Jahre
    (Photos, Flugblätter, alte Zeitungsartikel, Transparente)

 


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