>> Blausteiner Nachrichten Nr. 22 <<
3.6.2016

„Starke Wurzeln – stolze Ernten“

Wir haben an dieser Stelle schon immer wieder intelligente Methoden der Landwirtschaft geschildert, mit denen außergewöhnlich gute Erträge erreicht werden können – und das vollkommen sozial- und umweltverträglich, ganz im Gegensatz zu agroindustriellen Anbautechniken. Wir erinnern z. B. an unseren Bericht zum „System der Wurzel (engl.root)-Intensivierung (SRI) in BN 34, 23.08.2013, das zunächst für Reis entwickelt wurde, das sich aber auch auf so unterschiedliche Kulturen wie Kartoffeln, Weizen, Yams, Zuckerrohr oder Tomaten anwenden lässt. Ein aktueller Bericht im SWR macht deutlich, dass es sich dabei um keine „Eintagsfliege“ gehandelt hat, und veranlasst auch uns, das Thema erneut aufzugreifen.

Der Ursprung von SRI reicht zurück in die 1980er als ein französischer Agronom den dörflichen Reisanbau im Hochland von Madagaskar beobachtete und daraus diese Methode ableitete. Sie weiterzuentwickeln und bekannt zu machen war dann hauptsächlich das Verdienst von N. Uphoff, einem renommierten amerikanischen Agrarwissenschaftler, der seit 1997 SRI in Asien propagierte, wo mehr als 600 Mio Menschen unterernährt sind. Eine kleine indische Nicht-Regierungs-Organisation hat dann die SRI-Methode in hunderten von Dörfern eingeführt. Die Landwirtschaft im 21. Jahrhundert, so Uphoff, müsse sich auf knappere Land- und Wasser-Ressourcen, ihre geringere Qualität und Zuverlässigkeit, sowie vielerorts auf ungünstigere Klimabedingungen einstellen. SRI biete Millionen benachteiligter Familien weit bessere Chancen - ohne Hybrid-Saatgut, ohne Kunstdünger und ohne Biozide, ganz bewusst ohne Patente und ohne Lizenzgebühren, niemand profitiere davon außer den Landwirten selber.

In die Schlagzeilen schaffte es SRI als im berüchtigt armen indischen Bundesstaat Bihar Bauern dadurch mit denselben Reissorten auf denselben Böden im Durchschnitt (behördlich bestätigt) mehr als dreimal so viel ernteten wie vorher. Das Erfolgsgeheimnis liegt nicht in einer sensationellen Neuzüchtung sondern in einer veränderten Anbaumethode. Statt drei Wochen alte Reissetzlinge büschelweise in das überflutete Feld zu verpflanzen setzen die Bauern nur ein Viertel des Saatguts ein (das aus der vorjährigen eigenen Ernte stammt) und verpflanzen die viel jüngeren Setzlinge einzeln mit größerem Abstand. Bewässert wird nur so viel wie nötig, um die Wurzeln mit mehr Luft zu versorgen wird sorgfältig gejätet (mit einem eigens entwickelten einfachen, aber hocheffektiven Handgerät), gedüngt wird mit dem Mist der Wasserbüffel und Zebu-Rinder. So kultivierte Reispflanzen haben ein weitaus stärker entwickeltes Wurzelsystem, zugleich wird das gesamte Bodenleben von den Würmern bis zu den Mikroorganismen gesteigert. Der geringere Wasserverbrauch hat auch geringere Treibstoff-Kosten für die Bewässerungspumpen zur Folge und - ökologisch nicht zu unterschätzen – es wird weit weniger des hochgradig klimaschädlichen Methan-Gases freigesetzt. Alles in allem: ein großartiges Beispiel für das Prinzip „weniger ist mehr“.

Inzwischen ist SRI in 54 Ländern angekommen, am weitesten verbreitet in China, Indien, Indonesien, Kambodscha und Vietnam. An die zehn Millionen Kleinbauern nutzen hier diese Methode auf einer Gesamtfläche so groß wie Baden-Württemberg. Weshalb eigentlich nicht längst schon mehr? SRI muss man erst lernen! Indische Großbauern z.B. haben es nicht nötig und Tagelöhner dagegen haben kein eigenes Land. Dennoch hat SRI noch ein immenses Potenzial: für die weltweit mehr als eine halbe Milliarde Kleinbauern, die mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel produzieren. Uphoff. „Bisher versucht man noch immer, die Landwirtschaft zu einem Industrie-Unternehmen zu machen und ihre biologischen Wurzeln zu vergessen. Ich beobachte, dass Forschung oft von kommerziellen Interessen geleitet ist, denn sie geht stark in die Richtung von Wissen, das patentiert und gelenkt werden kann. Uns geht es aber um Wissen, das umsonst und für alle verfügbar sein soll, damit jeder, der will, es an seine eigenen Bedingungen anpassen und Nutzen daraus ziehen kann.“

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