>> Blausteiner Nachrichten Nr. 12 <<
23.3.2018

Saatgut: Schutz vor Schutz

Schon vor einiger Zeit haben wir über die Tomatensorte „Sunviva“ berichtet (Pfeil BN 2017/22; 2.6.2017), die als eine der ersten Nutzpflanzensorten durch eine „open-source-Lizenz“ geschützt ist - eine Schutzform, die vor Patentschutz, also privatrechtlichem „geistigem Eigentumsanspruch“ schützen soll. Vergleichbares ist im IT-Bereich schon länger etabliert: Fast jeder kennt Wikipedia. Die Einträge in dieser meistgenutzten Online-Enzyklopädie dürfen von jedermann genutzt, weiter verbreitet und sogar geändert werden, sie sind als geistiges Gemeingut konzipiert und in dieser Eigenschaft rechtlich abgesichert. Gleiches gilt auch für das Betriebssystem Linux oder den Internetbrowser Mozilla Firefox. Der Begriff „open-source“ leitet sich aus dem Umstand ab, dass der Quellcode dieser Programme offen zugänglich ist. Eine entscheidende weitere rechtliche Komponente derartiger Lizenzen ist meist das sogenannte „Copyleft“: Wer ein solches Programm verändert, darauf aufbauend ein neues Programm entwickelt oder es in ein eigenes Programm einbezieht, darf diese Folgeprodukte nur zu den gleichen Bedingungen weitergeben, d. h. es muss frei verfügbar bleiben, eine Reprivatisierung des Gemeinguts ist nicht zulässig.

Bereits vor zehn Jahren kam der Gedanke auf, dieses Prinzip auch für die Saatgut-Zucht einzusetzen und Saatgut so der Vereinnahmung durch Konzerne zu entziehen. Deren globaler Trend zu immer weiteren Fusionen zielt darauf ab, dass in naher Zukunft drei Agrargiganten über 60 Prozent des globalen Saatgutmarktes patentgeschützt kontrollieren. Sie überschwemmen den Markt mit Hybridsaatgut, welches schon auf Grund seiner genetischen Struktur bei weiterem Anbau seine Ertragskraft verliert. Die Konzerne setzen auf möglichst einheitliche Kulturpflanzen für möglichst große Gebiete und Märkte. Nur drei Kulturpflanzen – Mais, Reis und Weizen – decken schon heute die Hälfte des globalen Kalorienverbrauchs, nur ein Dutzend Arten liefern drei Viertel der Welternährung. Damit haben die Konzerne die globale Saatgutzüchtung in die Krise gesteuert, tatkräftig unterstützt durch die unsägliche Praxis des Europäischen Patentamts, welches entgegen dem eigentlichen Sinn von Patenten (als Schutz für Erfindungen) in großer Zahl Patente auf Grundlage in der Natur lediglich „vorgefundener“ genetischer Informationen erteilt.

Klimawandel und Biodiversitätsverlust erfordern dagegen größtmögliche Vielfalt an Saatgut. Benötigt werden Sorten für unterschiedlichste Standortfaktoren und Klimabedingungen, Sorten die auch an weniger günstigen Standorten und ohne erdölbasierte Agrarchemikalien noch stabile Erträge liefern, vielfältige Anbaufrüchte, die insgesamt auch dann noch eine ausreichende Ernte erbringen wenn Extremereignisse wie Hagel, Trockenheit oder Spätfrost einzelne Kulturen vernichten.

Gefordert sind also zivilgesellschaftliche Initiativen, die auf eine gemeinwohlorientierte Saatgutzüchtung hinarbeiten. Open-source Lizenzen können dafür einen wertvollen Beitrag leisten. Sie sichern den freien Zugriff auf Zuchtmaterial, in Kombination mit Copyleft schützen sie es vor einer Reprivatisierung durch Konzerne. Das schließt angemessene Vergütungen für Produktion und Vertrieb keineswegs aus. Auf dem Weg einer rechtlich fundierten Lizenz können Verstöße dagegen auch strafrechtlich verfolgt werden. Um eine derartige Lizenzierung möglichst einfach zu machen, wurde eigens die Organisation OpenSourceSeeds gegründet, als Dienstleister für alle einschlägigen administrativen Aufgaben. Neben der erwähnten Tomate Sunviva trägt auch der Sommerweizen Convento C bereits eine derartige Lizenz. Zwanzig weitere Sorten sollen im laufenden Jahr damit ausgestattet werden.

Die kühne Zukunftsvision: ein gesellschaftlicher Wandel, der exklusive geistige Eigentumsrechte der Gemeinwohlorientierung unterordnet und so die rechtlich abgesicherten Open-Source-Saatgutlizenzen überflüssig macht.

Näheres unter Pfeilwww.opensourceseeds.org

Quelle: PfeilGenethischer Informationsdienst 242, 8-2017


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