>> Blausteiner Nachrichten Nr. 46 <<
15.11.2019

„Gentechnik und Artenvielfalt“

Im Mai 2019 hat der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) eine Schätzung veröffentlicht, derzufolge über eine Million Tier- und Pflanzenarten – 25 Prozent der bekannten Arten weltweit – vom Aussterben bedroht sind. Aber auch innerhalb einzelner Arten gibt es einen Verlust an Vielfalt, nämlich der genetischen Vielfalt. Bei wilden, nicht domestizierten Arten kann es zu diesem Rückgang kommen, wenn der Lebensraum auf durch menschliche Aktivität oder natürliche Faktoren auf einen zu kleinen Bereich beschränkt wird. Eine breite Variabilität in den Genen ist aber ausschlaggebend für die Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Umweltbedingungen, Krankheiten oder Fressfeinde. Deshalb laufen Arten in inselartigen Habitaten Gefahr, in solchen Streßsituationen plötzlich auszusterben.

Ein ähnliches Problem schafft heute die industrielle Landwirtschaft im Bereich der Nutzpflanzen und -tiere. Nachdem die Menschheit während der letzten Jahrtausende unzählige, an die verschiedensten Verhältnisse und Aufgaben angepasste Sorten und Rassen gezüchtet hat, verschwindet die so entstandene Vielfalt derzeit schlagartig unter den Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft. Laut IPBES-Bericht sind bisher über 1000 landwirtschaftlich genutzten Tierrassen entweder ausgestorben oder akut bedroht und mehr als 90 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Pflanzen weltweit verschwunden. Beispielsweise soll es von den 55 bekannten Kohlrabisorten mittlerweile nur noch drei geben (hoffen wir, dass es in dem von Herrn Mammel aus Lauterach mitbegründeten „Genbänkle“ doch noch weitere Sorten gibt).

Im Hinblick darauf könnte man argumentieren, dass Gentechnik auch einen positiven Effekt hat, da durch die Genveränderung neue Sorten entstehen und dadurch die Vielfalt vergrößert wird. Tatsächlich droht aber das Gegenteil einzutreten: Die Entwicklung genveränderter (gv) Sorten ist ein technologie-, ressourcen- und kostenintensives Unterfangen. Solche Entwicklungen können deshalb nur kapitalstarke Agrarkonzerne leisten. Um die Kosten wieder einzuspielen und dabei auch einen nicht zu knappen Gewinn zu machen, müssen sie versuchen, alle anderen Sorten zurückzudrängen und möglichst viel von einigen wenigen gv-Sorten zu produzieren und zu verkaufen. Falls eines Tages unvorhergesehene Umstände eine von der Industrie durchgesetzte gv-Massensorte schädigen, drohen entsprechend große Ernteausfälle.

Quelle:
Pfeil GID 250 (2019), 23-25


PfeilStartseite
Aktuelles


 

Spendenkonto:
IBAN: DE77 6309 1200 0016 7000 07
BIC: GENODES1BLA

Spendenbescheinigungen
werden auf Wunsch gerne
ausgestellt