>> Blausteiner Nachrichten Nr. 51 <<
18.12.2020

„Nobelpreis für Genschere“

Als Alfred Nobel 1895 den größten Teil seines Vermögens einer Stiftung übermachte, die jährlich einen Preis an diejenigen auszahlen sollte, „die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“ durch Entdeckungen und Entwicklungen in den Naturwissenschaften und der Medizin, sowie durch Bemühungen, Frieden zwischen den Völkern zu stiften. Ob er dabei schon die zwei Seiten großer Entdeckungen im Kopf hatte? Er hatte mit Dynamit einen sicheren Sprengstoff für den Bergbau entwickelt, war sich aber bewusst, dass der Stoff auch im Krieg verwendbar war. Wir wissen heute, dass großartige naturwissenschaftliche Leistungen immer auch die Gefahr in sich bergen, für alles andere als friedliche, nützliche und gefahrlose Zwecke verwandt zu werden.

Die Entwicklung der CRISPR/Cas „Genschere“ ist sicher eine außergewöhnliche intellektuelle Leistung, aber solange wir nicht die Folgen kennen, die sich aus ihr für die Menschheit ergeben, ist der Nobelpreis vielleicht etwas voreilig. Im Bereich „grüne“ Gentechnik gibt es unter dem Stichwort „Neue Gentechnik“ (NGT) bereits hunderte Projekte, mit dieser Methode Nutzpflanzen ertragreicher, schädlingsresistenter und trockenresistenter zu machen und Nutztiere mit allen möglichen neuen Eigenschaften hervorzubringen. Ähnliche Versprechungen wurden schon während der ersten Gentechnikwelle vor 30 Jahren gemacht, aber bis heute ist beispielsweise keine einzige genveränderte (gvo) Nutzpflanze auf dem Markt, der von unabhängiger Seite bestätigt würde, dass sie mit Trockenheit besser zurechtkäme als konventionelle Sorten. Schlimmer noch, die schädlingsresistenten und glyphosatverträglichen gvo-Sorten erfordern nach Anfangserfolgen im Lauf der Jahre einen immer intensiveren Spritzmitteleinsatz.

Nun soll CRISPR/Cas alles genauer und besser machen, so dass angeblich keine unbeabsichtigten Nebenwirkungen zu erwarten sind. Diese Erwartung scheint schon jetzt widerlegt zu sein, wie folgende sinngemäße Auszüge aus einem Papier von „Testbiotech“ (einem unabhängigen Institut für Folgenabschätzung in der Biotechnologie) zeigen:

Wichtigstes Werkzeug der NGT ist ein Enzym, die Nuklease CRISPR/Cas („Gen-Schere“). Die für spezifische Zielregionen im Erbgut entwickelten Gen-Scheren werden im Labor synthetisiert und dann mit unterschiedlichen Verfahren in die Zellen von Pflanzen und Tieren eingebracht. Nukleasen können, anders als bei der physikalisch-chemischen Auslösung von Mutationen, direkt in die biologischen Mechanismen der Vererbung eingreifen, und zwar auch an Stellen, die von Natur aus eigentlich vor Veränderungen besonders geschützt sind. Im Laufe der Evolution haben sich nämlich gewissermaßen „Leitplanken“ entwickelt, die insbesondere diejenigen Gene zu schützen scheinen, die für das Überleben einer Art besonders wichtig sind.

Die Neue Gentechnik ist dazu gemacht, diese Schutzmechanismen zu umgehen. Insbesondere die Gen-Schere CRISPR/Cas macht so erstmals das gesamte Erbgut für technische Eingriffe und Veränderungen verfügbar. Auch Erbanlagen, die bisher durch Züchtung kaum beeinflussbar waren, können jetzt verändert werden. Organismen, die mit NGT entwickelt wurden, können tiefgreifende Veränderungen und neue Eigenschaften aufweisen, auch ohne dass zusätzlichen Gene eingefügt werden. Damit können genetische Veränderungen herbeigeführt werden, die sich von denen unterscheiden, die Evolution und herkömmliche Züchtung hervorgebracht haben. Neben den beabsichtigten neuen Eigenschaften, die schon für sich eine Risiko für die Umwelt darstellen können (z.B. Bienen mit geändertem Bestäubungsverhalten) gibt es weitere Risiken, die mit der Einführung von NGT-Organismen in die Ökosysteme und die Landwirtschaft einhergehen: Beim Einsatz der Gen-Scheren tritt ein breites Spektrum von unbeabsichtigten Effekten auf. Diese werden u.a. durch die mehrstufigen Verfahren des Genomeditierens verursacht, das oft auch mit Methoden der ‚alten‘ Gentechnik kombiniert wird. Weitere Ursache sind unbeabsichtigte Veränderungen im Erbgut, die durch die eingesetzten Werkzeuge wie der Gen-Schere CRISPR/Cas ausgelöst werden können. Es kann dadurch zu Umstrukturierungen des Genoms kommen, einschließlich des ungewollten Einbaus von zusätzlichen Gensequenzen.

Häufig wird das Erbgut auch an Stellen verändert, die Ähnlichkeiten mit dem eigentlich beabsichtigten Zielgebiet aufweisen und deswegen von der Gen-Schere ebenfalls geschnitten werden. Diese unbeabsichtigten Effekte können sich deutlich von den genetischen Veränderungen unterscheiden, die durch herkömmliche Züchtung entstehen und gehen daher mit spezifischen Risiken einher, einschließlich des ungewollten Einbaus von zusätzlichen Gensequenzen. Insofern ist auch das Argument der einschlägigen Industrie falsch, dass die Resultate der NGT sich nicht von natürlichen Mutationen unterschieden und deshalb keine Zulassung nach dem Gentechnikgesetz bräuchten.

(In den BN erschien eine gekürzte Version dieses Artikels.)

Quelle: Pfeil testbiotech.org Oktober 2020

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