>> Blausteiner Nachrichten Nr. 12 <<
26.3.2021

„Neue Gentechnik im Dienst des Naturschutzes?“

Es gibt Bestrebungen, die sogenannte Neue Gentechnik, die auf dem CRISPR/Cas („Genschere“) Verfahren beruht, zur Bekämpfung von Krankheiten, zur Eliminierung von Herbizidresistenzen, aber auch für den Naturschutz einzusetzen. Der gemeinsame Nenner dieser unterschiedlichen Anwendungsgebiete ist der sogenannte Gendrive, zu Deutsch Genantrieb. Bildlich gesprochen könnte man von einem „Ellbogen-Gen“ sprechen, das sich im Erbgang rücksichtslos gegenüber einem anderen eigentlich gleichberechtigten Gen durchsetzt. Dies wird dadurch erreicht, dass bei der Fortpflanzung die Nachkommen nicht mit je einer mütterlichen und einer väterlichen Variante („Allel“) des Gens ausgestattet werden sondern mit zwei gleichen Exemplaren eines künstlich veränderten Gens, zusammen mit einer Bauanleitung, die diese „unfaire“ Vererbung auch in den Folgegenerationen bewirkt.

Beispielsweise wird vorgeschlagen, zur Bekämpfung der Malaria die krankheitsübertragenden Mücken mit einem „Ellbogen-Gen“ auszustatten, das gentechnisch so modifiziert ist, dass sich Antikörper gegen die Malariaerreger im Darm der Mücken bilden. Diese Eigenschaft würde sich nach Freisetzung der Mücken innerhalb weniger Generationen in der ganzen Mückenpopulation ausbreiten, so die Wunschvorstellung.

Beim Naturschutz wird vorgeschlagen, mit einer ähnlichen Methode seltene Arten gegen invasive Neuankömmlinge zu schützen. Das Problem betrifft vor allem isolierte Orte, insbesondere Inseln, auf denen im Lauf von Jahrmillionen eine besondere Tierwelt entstanden ist. Mit der Ankunft des Menschen kamen dann aber auch Ratten, die beispielsweise die Gelege der Vögel plünderten, die wegen der bisher mangelnden Gefahr keine Schutzvorrichtungen für ihre Nester entwickelt haben. So versucht man heute im antarktischen Südgeorgien Ratten durch große Vergiftungsaktionen auszurotten, um die dort brütenden Pinguine zu schützen. Als Alternative wird jetzt vorgeschlagen, Ratten mit einem „Ellbogen-Gen“ auszustatten, das dafür sorgt, dass nur männliche Nachkommen geboren werden. Wenn solche Tiere wiederholt auf den betroffenen Inseln ausgesetzt würden, sollte die Rattenpopulation sich drastisch verringern oder ganz verschwinden. so die Meinung der Befürworter eines solchen Verfahrens.

Wie bei allen Versprechen der Gentechnik ist auch hier viel Zweckoptimismus im Spiel. Bedenklich stimmt, dass der Weltnaturschutzorganisation IUCN als Entscheidungshilfe für neue Richtlinien zum Naturschutz jetzt der Bericht einer von ihr eigesetzten Arbeitsgruppe vorliegt, der sich positiv zu den Möglichkeiten der Neuen Gentechnik äußert. Eigentlich hatte die Gruppe den Auftrag, auch auf die Frage der Risikovorsorge und auf Bedenken einzugehen. Als Vorsitzenden hatte man aber einen bekannten und begeisterten Verfechter der Gene Drive-Technologie berufen, der seinerseits vorwiegend Personen mit bekannt positiver Einstellung zu dieser Technologie in die Arbeitsgruppe holte, viele darunter mit Interessenskonflikten wegen Forschungsgeldern oder eigenen Patenten. Im Gegensatz zum Auftrag der IUCN, auch kritische Stimmen einzubeziehen, vertritt kein einziges Mitglied der Arbeitsgruppe eine distanzierte Position gegenüber der Gendrive-Technologie.

Quelle: Pfeil GeN Newsletter 02/2021


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