>> Blausteiner Nachrichten Nr. 29 <<
23.7.2021

„Ökoanbau oder Pestizideinsatz?“

Klimawandel, Degradation der Böden, Kontamination von Wasser mit Pestiziden und Dünger sowie Verluste an Biodiversität gehören zu den wachsenden Herausforderungen für die Landwirtschaft. Wissenschaft und Politik anerkennen zunehmend die Dringlichkeit, den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft zu reduzieren, ganz aktuell im Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft.

Maria Finkh, Professorin für ökologischen Pflanzenschutz an der Universität Kassel, sieht dafür vielversprechende, vielseitig wirksame Möglichkeiten in ökologischen Anbaumethoden. Ein besonders wichtiges Thema sind dabei Mischkulturen, für die Herbizide von vornherein kaum angewendet werden können. Der Einsatz von Sorten- und vor allem Artenmischungen bringt Diversität für Resistenzen auf den Acker. Im Gartenbau gehört z. B. die wechselseitige Stärkung durch die Kombination von Zwiebeln mit Möhren zur gängigen Praxis. Mischanbau erhält das mikrobielle Ökosystem des Bodens und leistet viel für mehr blühende Pflanzen, also einen direkten Gewinn an Artenschutz. So wurden schon in der DDR bei Sommergerste rund 80 % weniger Fungizide eingesetzt, Sortenmischungen im Kaffeeanbau von Kolumbien ersparen aktuell jährlich mindestens 100 Mio. US-Dollar für Fungizide.

Die Nutzpflanzen wurden von Anbeginn der Landwirtschaft in Mischkulturen entwickelt.
Die Umstellung auf Reinkulturen ist kaum älter als 100 Jahre, verbunden mit Pestizideinsatz und Entwicklung sonstiger Technologien. Die Aussaat von Mischkulturen ist technisch verhältnismäßig einfach, die erforderlichen Anpassungen für Ernte und Aufbereitung sind durchaus machbar. Eine größere Herausforderung ist die passende Umstellung der Züchtungsziele und auch von Qualiitätsvorstellungen, die aber durchaus auch Vorteile für die Ernährungsqualität mit sich bringen können, z. B. beim Mischanbau von Weizen mit Erbsen.

Im Gegensatz zu verbreiteten Vorstellungen ist der Flächenertrag in Mischkulturen gegenüber Reinkulturen höher und verlässlicher, was besonders im Klimawandel zum Tragen kommt.

Pestizide werden vielfach eingesetzt gegen den „Wildwuchs“ in Pausen zwischen den Hauptkulturen. Der lässt sich ökologisch verträglicher vermeiden mit dem Anbau von Zwischenfrüchten, die dann verwertet werden z.B. als Biomasse für Biogas oder als Futterzusatz. Neue Ansätze gewinnen daraus wertvolle Proteine für die Lebensmittelproduktion bis hin zum Fleischersatz.

Unentbehrlich, um mit weniger Pestiziden auszukommen, ist bei alledem, den Boden wieder aufzubauen und zu stabilisieren: das speichert CO2, steigert die Wasserhaltefähigkeit und damit auch die Grundwasser-Qualität, zudem mildert es die Folgen des Klimawandels. Pflanzen und Bodenleben wirken dabei zusammen. Pflanzen transportieren einen Großteil des fixierten Kohlenstoffs in den Boden. Ihre Wurzelausscheidungen erhöhen dort die Biodiversität besonders bei Bakterien und Pilzen, sie steigern aber auch das sonstige Bodenleben.

Zu den Forderungen an eine Agrarwende müssen u. a. vorrangig Infrastrukturen für einen erfolgreichen Mischanbau gehören.

Quelle:
Pfeil Genethischer Informationsdienst 257, 5-2021


PfeilStartseite
Aktuelles


 

Spendenkonto:
IBAN: DE77 6309 1200 0016 7000 07
BIC: GENODES1BLA

Spendenbescheinigungen
werden auf Wunsch gerne
ausgestellt