>> Blausteiner Nachrichten Nr. 8 <<
25.2.2022

„Wanze statt Raupe“

Gentechnisch veränderte (gv) Baumwolle wird heute auf 80 % aller Baumwollfelder angebaut. Die sogenannte Bt-Baumwolle enthält ein Gen des Bacillus thuringiensis mit dessen Hilfe sie ein Gift produziert, das Schmetterlingsraupen tötet, die an den Pflanzen fressen. Der Anbau auf den immer gleichen Feldern bewirkt nicht nur eine zunehmende Resistenz dieser Raupen gegen das Gift, sondern fördert auch die Vermehrung anderer Schädlinge, die auf Feldern mit herkömmlicher Schädlingsbekämpfung durch Insektizide mitgetötet wurden. In manchen Regionen der USA, hauptsächlich aber in China treten jetzt vermehrt Wanzen als Schädlinge der Bt-Baumwolle auf und können bis zu 50% der Ernte vernichten.

Durch den Anbau von Bt-Baumwolle konnte der Insektizideinsatz reduziert werden, was die Vermehrung der gegen Bt unempfindlichen Wanzen begünstigt. Bisher noch ungeklärt ist, warum sich die Wanzen nicht in allen Bt-Baumwoll-Anbaugebieten vermehrt haben. In Teilen der USA und in China hat das Aufkommen der Wanzen stark zugenommen, nicht dagegen in Australien Das könnte an den klimatischen Bedingungen, am Artenspektrum, an der unterschiedlichen biologischen Kontrolle durch Fressfeinde und am Angebot anderer Futterpflanzen für die Wanzen liegen. Eine Ursache der Wanzenvermehrung ist wahrscheinlich auch, dass Bt-Pflanzen weniger geschädigt werden als konventionelle Baumwolle und damit attraktiver für die Wanzen sind. Außerdem werden die Wanzen auch nicht mehr durch die bissigen Larven der Schadschmetterlinge vertrieben.

Eine weitere Erklärung für die Ausbreitung der Wanzen auf Bt-Baumwolle könnte auch ein biologischer Mechanismus der Bt-Pflanzen sein. Dies zeigen, aktuelle Studien einer Schweizer Forschungsgruppe. Baumwollpflanzen verfügen über ein ausgefeiltes Verteidigungssystem. Wenn konventionelle Baumwollpflanzen von Schmetterlingsraupen angefressen werden, beginnen sie Abwehrsubstanzen, so genannte Terpenoide zu bilden. Dadurch verderben sie nicht nur den Raupen den Appetit, sondern auch vielen anderen Fraßfeinden. Je stärker eine Baumwoll-Pflanze durch ihre Fraßfeinde beschädigt wird, desto mehr Terpenoide bildet sie, um diese abzuwehren. Bei Bt-Baumwollpflanzen wird dieses Abwehrsystem weniger ausgelöst, da das Gift der Bt-Baumwolle die Schmetterlingsraupen tötet, bevor sie große Schäden angerichtet haben. Die Forschungsgruppe konnte zeigen, dass sich Blattläuse – denen das Bt-Toxin nichts ausmacht – auf diesen Pflanzen ebenfalls stärker vermehren als auf konventionellen Baumwollpflanzen. Damit wurde erstmals einen indirekten Effekt der Bt-Baumwolle aufgedeckt. Weil das Abwehrsystem nicht aktiviert wird, können sich im Windschatten der Bt-Behandlung andere pflanzenfressende Insekten ungestört vermehren. Die bei diesen Untersuchungen betrachteten Baumwollblattläuse sind zwar auch empfindlich gegen Terpenoide, schädigen die Baumwolle aber nur geringfügig und lösen daher die Terpenoid-Produktion nicht selbst aus.

Wie viele andere Beispiele zeigt auch die Wanzenvermehrung, dass sich selten oder nie alle Folgen von Eingriffen in die Natur vorhersagen lassen.

Quelle:
Pfeil https://www.pflanzenforschung.de/de/pflanzenwissen/journal/anbau-von-bt-baumwolle-fuehrt-china-zu-neuer-schaedling-727


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